Prevartblog - was wir auch noch sagen wollten

Sich sachte der Lösung nähern

Neulich sagte mir ein Architekt, das wohl mehr als 90% der Gebäude nach ihrer Fertigstellung gar nicht so funktionieren wie geplant. Alles muss heute geplant, vorhergesehen, berechnet, verschriftlicht und mit Normen abgesichert werden. Die Erfahrung von Fachleuten und der gesunde Menschenverstand spielen keine Rolle mehr. Wir wollen alles "subito", vollständig, ganz gut - koste es was es wolle. Ein sich der Lösung annähren ist keine Option. Man müsste ja Risiken eingehen oder gar etwas nachbessern oder justieren. Besser sich einer Norm unterwefen, dann ist man auf der sicheren Seite. Wir peilen das Maximum mit Gurt und doppeltem Hosenträger an, damit (gefühlt) gar nichts schief gehen kann und die Verantwortung irgendwo im Nirwana liegt.

Prototypen werden üblicherweise gebaut, um neue Lösungen auszuprobieren sowie Funktionalität und Dauerhaftigkeit zu prüfen. Bei den meisten Depot- und Archivbauten gilt dies leider nicht; sie sind Unikate - keine Prototypen. Sie sollen von Anbegin weg perfekt sein, weil sie ja Kulturgut aufnehmen und schützen sollen. Also werden alle Register der verfügbaren Technik gezogen alle Bedenken müssen asugeräumt sein frei nach dem Moto viel Technik ist sicher auch viel besser.

In der Klimatechnik spricht man oft davon, dass es mindestens ein Jahr (einen ganzen Jahreszyklus) braucht, eine  Klimaanage sauber einzuregeln. Wer macht das schon? Es wird zwar viel gemessen, aber selten daraus kluge Schlüsse gezogen. Noch seltener wird dann auch noch wirklich optimiert (eine löbliche Ausnahme ist z.B. das Museusmdepot des Kunsthstorischen Museums in Wien in Himberg, wo die Erkennnisse aus dem Betrieb in die Optimierung einflossen, der Energieverbrauch nochmals erheblich gesenkt werden konnte und dennoch eines der stabilsten Klimas in Depots gefahren werden kann). Dies braucht Ressourcen aus dem Betrieb - das kann aber oft nicht mehr im Baubudget abgerechnet werden.

Könnte man nicht mal bescheidener beginnen, auf alte Hasen und Häsinnen hören, mal nicht die technische Höchstausstattung mit maximalen Leistungsreserven von vornherein anstreben, die dann oft gar nicht erforderlich ist. Man könnte mal mit Erfahrung, gesundem Menschenverstand und mit einem Minimum beginnen, dann die Prototypenphase durchlaufen, justieren, optimieren und vielleicht auch nachbessern, verbessern und ergänzen. Vieles wäre mit weniger Technik, mit weniger Aufwand und auch deutlich günstiger zu haben. Man müsste wieder Bescheidenheit wagen, Haltung zeigen, nach bestem Wissen und gewissen Verantwortung übernehmen und nicht jede Aussage gleich vorher noch durch einen Juristen prüfen lassen. 

Lasst uns doch wieder einmal der Lösung sachte annähern, statt das Problem mit Paragrafen, Normen und viel teurer Technik zu erschlagen. Kultrgut ist meistens geduldig (weit mehr als wir) und wird es uns auf die Länge sicher danken. Diese Zeit müssen wir (und das Kulturgut) uns nehmen.

Also liebe Leute - macht den Architekten, Klimatechnikern und sonstigen Planern nicht das Leben schwer mit absurden Vorgaben und Forderungen. Erklärt vielmehr, um was es bei Kulturguterhaltung auf lange Frist wirklich geht, was ist unser wirkliches Ziel. Es ist dies nicht das technisch machbare heute und morgen, sonder das sinnvolle und tragbare, das in den nächsten paar dutzend Jahren funktionieren soll. Schafft Vertrauen, dass man aus Fehlern lernen kann, dass man besser werden kann und dass man gemeinsam eine gute Lösung findet - keiner will irgend etwas oder irgend jemanden schädigen. Sperrt die Nörgeler, Bedenkenträger, Angsthasen und Juristen aus unserem Denken aus - dann macht es wieder richtig spass etwas gemeinsam in Angriff zu nehmen. Wir beginnen einfach - vielleicht ist dies bereits die Lösung.

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Der Kulturgüterschutz in der Schweiz ist nicht ganz dicht

Über das Risiko von Depots und Archiven in ehemaligen Zivilschutzanlagen

In den vergangenen 25 Jahren wurden mehrere Museen und ihre Depots von Unwetterschäden betroffen. Objektsammlungen und Archive mussten evakuiert, geborgen und zum Teil in mühevoller und kostspieliger Kleinarbeit getrocknet und wieder aufbereitet werden. Dies waren punktuelle, massive Ereignisse, die auch in der Presse thematisiert wurden. (Z.B. Sarnen, Kloster St. Andreas, 2005; Luzern, Verkehrshaus, 2005; Thun, Bernisches Historisches Museum 2005; Aarau, Schlössli 2007; Baden, Historisches Museum 2021; Luzern, Historisches Museum, und Naturmuseum, 2021). 

Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Depots vieler Museen, vor allem der kleineren, in ehemaligen Zivilschutzanlagen untergebracht sind. Es handelt sich um massive, unterirdische Anlagen, die heute nicht mehr dem Bevölkerungsschutz dienen oder den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen. Die Anlagen stammen teilweise aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, andere wurden im Zuge des Kalten Kriegs in den 1950er- bis 1980er-Jahren nach dem jeweiligen Stand der Technik gebaut.1 Die Gebäude sind in die Jahre gekommen und haben zunehmenden Sanierungsbedarf. Die Betonqualität der frühen Bauten ist schlecht, (Schwarz-)Abdichtungen und Maueranschlüsse sind marode und die Sickerleitungen haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. All dies müsste erneuert oder nachgebessert werden.

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Machen wir doch eine Machbarkeitsstudie

Machbarkeitsstudien scheinen im Trend zu liegen. Vorzugsweise beginnt man zuerst mit dem "Machen" und studiert dann später, was eigentlich die erforderlichen Grundlagen dafür wären. In Sitzungen, Studien und Berichte fliesst viel Geld und am Schluss weiss man gleich viel, wie der gesunde, geerdete Menschenverstand bereits mit deutlich geringerem Aufwand hätte erkennen können.

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Der Mythos vom Passiv-, Nullenergie- oder Plus-Energie-Depot

Passiv-, Nullenergie- oder Plus-Energie-Depot sind Schlagwörter in aller Munde. Schaut man sich die Sache jedoch genauer an, dann kann man bei Depots, die mit diesen Labels versehenen sind heute bestenfalls von (verhältnismässig) Niedrigenergiedepots sprechen. Meistens wird der Energieverbrauch übers Jahr und die Energieproduktion vor Ort (z.B. durch Photovoltaik) miteinander verrechnet und schwups wird die Energiebilanz ausgeglichen oder gar positiv und das Depot "passiv". Dies ist ein Trugschluss, denn die heutigen Depots benötigen Energie zum Betrieb ihrer haustechnischen Anlagen - auch in Zeiten mit ausbleibender oder geringer Eigenproduktion elektrischer Energie vor Ort. Wir sind also zeitweise abhängig von ausserhalb produzierter, zugeführter Energie. Zudem funktioniert das "System Depot" ohne Energiezufuhr z.B. für Entfeuchtung oder Temperierung im schlechtesten Fall gar nicht. Langfristig gesehen (über Jahrzehnte oder Jahrunderte), gehen wir daher ein beträchtliches Risiko ein, dass das Klima im Innern eines Depots bei einem länger andauernden Stromausfall oder bei einem Ausfall der technischen Installationen ins Schlechte kippt. 

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Bescheidenheit ist wohl keine Museumstugend

Bescheidenheit ist wohl keine Museumstugend

Die Kassen sind leer und dennoch überzieht die Kultur wacker ihre (Bau-)Budgets um grosse Summen. Warum ist eine angemessene Bescheidenheit in diesem Sektor so selten anzutreffen? Liegt es an der mangelnde Sorgfalt bei der Planung oder der Tatsache, dass Museen und Sammlungen immer wieder Maximalforderungen stellen, welche zu hinterfragen sich selten jemand wagt. Die Summen sind zum Teil schwindelerregend, aber die öffentliche Hand ist (bislang) stets bereit, Geld nachzuschiessen. Kein Sektor im Bauwesen ist wohl so von Kostenüberziehungen betroffen wie die Kulturbauten, was bekanntlich nicht nur Museen, sondern auch Theater und Musikhäuser betrifft. Es geht aber letztlich noch viel weiter. Ist es so erstaunlich, dass das Kunsthaus Zürich unlängst feststellte, dass seine Betriebs- und insbesondere die Personalkosten seit Inbetrebnahme des neuen sogenannten Chipperfield-Erweiterungsbaus - welche eine Überraschung - markant gestiegen sind? Wusste man dies nicht bereits, als man sich entscheid grösser zu werden? Da helfen auch grosszügige Spenden und Sammlungen nur wenig - am Schluss ist es die öffentliche Hand, welche gerade stehen muss. Museen müssen sich wahrlich fragen, welches ihre Rolle und ihre Bedeutung ist und ob die Gesamtgesellschaft wirklich willens ist, diese stetig steigenden Aufwendungen auch in Zukunft weiter so grosszügig zu tragen. Wäre da nicht einen Bescheidenheit gefragt; eine Fokussierung, die nicht nach dem allgemeinen Motto "grösser ist besser" geht? Wir werden uns in Anbetracht vielfältiger anderer Aufgaben in Zukunft nicht mehr alles leisten können. Umso mehr erscheint es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was und wieviel davon uns wirklich wichtig ist.

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Das Ende der Fahnenstange?

Zu Beginn unserer Geschäftstätigkeit konnte man sich sein Geschäftsfeld in der Museumswelt noch selber aufbauen. Man suchte sich eine Nische und besetzte sie. Mit einer Portion Blauäugigkeit, etwas Mut und gesundem Menschenverstand versuchte man mit und für die Kunden Aufgaben zu lösen. Der Klimawandel war erst ein marginales Thema und die Klimaforderungen für Museen und deren Depots wurden munter weiter verschärft und kaum hinterfragt. Von giftigen Substanzen in Sammlung sprach nur eine Handvoll Spezialisten. Man hatte im Wesentlichen noch vertretbare Ansprüche und war sich zuweilen noch bewusst, dass meistens die öffentliche Hand (also wir als Steuerzahler) die gestellten Rechnungen beglich.

Vieles hat sich seither verändert, wobei man sich zusehends von der Realität entfernte. Es geht nicht mehr darum Lösungen zu finden, sondern Verantwortungen abzuschieben, alles mögliche und unmögliche möglichst lückenlos zu dokumentieren und möglichst keine Entscheidungen mehr zu treffen (dafür heuert man Berater an, die eigentlich Entschiedungen per Definition nicht treffen können). Strategien, Konzepte, Berichte und Machbarkeitsstudien traten an die Stelle des pragmatischen Handelns. Manch ein Projekt versandete über die Jahre und Firmen werden zum wiederholten mal angefragt Grundlagen für den nächsten Anlauf zu erstellen. Geld war und ist (trotz lautem Geklöne) offenbar immer noch genügend da, von der Energie schon gar nicht zu sprechen (sie ist ja auch schon wieder billiger geworden).

Ans Ende der Fahnenstange sind wir derweil noch lange nicht angelangt. Da würde man aus erhöhter Warte den Weitblick sowohl zeitlich wie auch geographisch haben, um zu sehen, dass Museen und deren zuweilen überfüllten Depots bei weitem nicht so bedeutend sind, wie gewisse Beteiligte weiten Kreisen glaubhaft machen möchten. Bescheidenheit ist ohnehin derzeit nicht gefragt. Zaghaft versuchen mittlerweilen auch Museen Energie zu sparen (es macht sich gut), um gleich an anderer Stelle mit fragwürdigen Neubauten, Erweiterungen und Renovationen noch grössere Flächen zu klimatisieren und noch mehr Leute von Nah und (v.a.) Fern in die Häuser zu locken. Man ist stolz auf die grossen Leuchtturmprojekte und demnächst werden wir wohl von einer Art "Overtourism" in Museen hören. Nur das Beste ist uns gut genug - und wer denkt schon an die kleinen, unscheinbaren Museen in der Provinz, die mit banalen Alltagssorgen kämpfen?

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Wieviel Kulturgut tut einer Kultur gut ?

Dem ungebremsten Anwachsen von Sammlungen stehen zwei wichtige Faktoren entgegen: die knapper werdenden finanziellen Mittel der öffentlichen Hand zur Erhaltung, Pflege, Erforschung und Nutzung der Sammlungsobjekte sowie die stark zunehmenden Aufwendungen, vor allem getrieben durch die stetig steigenden Technik- und Energiekosten. Zukünftig wird die Sammlungstätigkeit daher nicht mehr nur vom Wunsch nach Vergrösserung und Vervollständigung einer Sammlung geprägt sein, sondern die Frage nach der Tragbarkeit der nötigen Infrastruktur wird an Bedeutung gewinnen. Kann der angemessene Betrieb einer Infrastruktur nicht gewährleistet werden, müssen neue Strategien gefunden und umgesetzt werden, um das Gesamtziel – die Überlieferung von relevantem Kulturgut an künftige Generationen – nicht zu gefährden. Die aktive Bewirtschaftung von Sammlungen, mithin auch deren Reduktion zugunsten des Gesamten, ist eine denkbare und zukunftsweisende Strategie. Jede Erweiterung der Depotkapazität muss daher einhergehen mit der Überprüfung der eigenen Sammlungsstrategie und deren langfristigen operativen Umsetzbarkeit.

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Werden Normen den spezifischen Anforderungen der Kulturgüter-Erhaltung gerecht?

Im Zusammenhang mit Qualitätssicherungsmassnahmen wird auch im Bereich der Kulturgüter-Erhaltung der Ruf nach Normen immer lauter. Eine Entwicklung, welche kritisch zu hinterfragen ist, da Regelungen geschaffen werden, welche die Lösungsfindung zum Teil eher behindern, als dass sie zur zweckmässigen Lösung des Problems beitragen.

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